
Barbara Fischer
Der Einfluss von Abenteuerromanen und Mythologien auf mein Leben ist keine Leidenschaft, sondern genetische Verwandtschaft.
Früher fehlte mir beim Lesen oft das Salz in der Buchstabensuppe. Ich vermisste meine Gegenüber, meine Seelengefährtinnen: abenteuerlustige Frauen waren rar.
Im Studium der Literaturwissenschaft, Ethnologie und Malaiologie finde ich als Antwort auf die Frage: Wo sind hier die Frauen? nicht unbedingt nur Sandkörnchen im Getriebe der Überlieferungsgeschichte von Frauen und ihren Abenteuern und Entdeckungen, ihren Eroberungen oder schriftstellerischen Werken. Es sind mitunter ganze Felsbrocken, die Schatten werfen auf wirkmächtige Persönlichkeiten und ihre Leistungen. Viel zu oft begraben Überlieferungen sie gleich ganz unter sich und tilgen Personen (w/d) und ihre Leistungen aus dem kulturellen Gedächtnis.
Ich mache mich dran, literarisch aufgenötigte Schranken einzureißen, Konventionen zu ignorieren und Ursachen zu erforschen. Meine Leidenschaft gilt schon immer der altisländischen Lieder- und Sagensammlung „Edda“ und dem Bild des Weltenbaumes „Yggdrasil“.
Nur kurz die Patina auf der Überlieferungsgeschichte wegkratzen und die Frauen ins Licht holen. Dann brauche ich nur Fantasie und Humor ihre Arbeit tun und die High-Fantasy-Reihe „Baumweltensaga“ entstehen zu lassen. Doch theoretische Studien allein sind nicht genug.
Auch das ist Teil meines Schreiballtags: Koffer packen und auf Reisen gehen. Matriarchate und egalitäre Gesellschaften finden, mit den Menschen vor Ort reden, in Archiven und Bibliotheken versinken und immer wieder recherchieren. Danach: schreiben… schreiben… und immer weiter schreiben…
Das nordische Pantheon ist mein Sonnenstein, der mich sicher zu den Mythologien weltweit navigiert. Verbindende Elemente zur Edda finden sich überall. Mythologie ist Teil des Lebens überall.
Wirkkräftige mythologische Vorbilder real existierender Gesellschaften wie dem Matriarchat der Minangkabau fließen in die Reihe ein.
Die Reise nach WestSumatra 2019 ins Minangkabau Hochland ist nicht nur der Rahmen für die Geschichte in Band 3 der Baumweltensaga. Ich konnte dort erleben, wie lebendig Storytelling sein kann, wie es wirkt und die Gesellschaft bis in die Gegenwart gestaltet.
Die nächste Reise führte mich 2022 in die Navajo Nation nach Arizona, zum Spider Rock im Canyon de Chelly. Der Spider Rock ist der Ursprungsort der Spiderwoman Mythologie, die am weit verbreiteste Figur im Storytelling von Nord- nach Südamerika. Die Diné (Eigenname der Navajo) sind ebenfalls ein Matriarchat und eine Gesellschaft, die keine Vorstellung davon hatte, dass man Land "besitzen" kann, bis weiße Siedler*innen es ihnen raubten.
Es gibt eine Untersuchung, die sich ausschließlich dem Storytelling bei Navajo women widmet: die Dissertation von Dr. Michelle Tsosie an der Fielding Graduate University über den „Transformative Influence Of Stories In The Lives Of Navajo Women: A Narrative Inquiry“ (2022). Dr. Tsosie weist mit streng wissenschaftlicher Methodik nach, wie Storytelling bis heute wirkt und die Gesellschaft der Navajo Nation gestaltet.
Die Navajo Nation musste vielen Attacken standhalten. Nicht zuletzt dank des Storytellings hat sie das erfolgreich geschafft.
Band vier der Baumweltensaga ist eine Parabel auf eine wunderbare Landschaft und wunderbare Menschen, die der Landnahme der amerikanischen Regierung gemeinsam trotzten.
Die letzten zwei Reisen für die Baumweltensaga führten mich 2024 und 2025 nach Grönland. Im Süden siedelten vom 10. bis zum 15. Jahrhundert die Wikinger*innen auf der Insel mit dem ältesten Gestein der Welt (in der Hauptstadt Nuuk liegt ein Stein im Nationalmuseum, der sage und schreibe 3,8 Billionen Jahre alt ist!).
Geschichten sind nie auserzählt. Die Reise geht weiter.…
Barbara Fischer ist im Vorstand des VS Köln (Verband der Schriftsteller*innen), Regionalsprecherin im feministischen Berufsverband der Bücherfrauen e.V. und Mitglied im Phantastik Autor*innen Netzwerk PAN.
