Dezember-Rezension: aus der stimmhaft
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About Lilith

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Seit sich das Christentum als Weltreligion installiert hat, fungiert die erste Frau Adams als Oberschlampe. Warum? Lilith wollte Adam nicht mal den Apfel pflücken, dem Eva später ihren Ruf verdankt. Sie hat sich einfach verdrückt, wollte ihr Leben leben, einfach für sich sein. ‚Undenkbar‘ sagte Gott und schickte ihr einen Fluch hinterher, der die Frau, die seinem Lieblingsboy den Laufpass gab, jeden Tag Kinder gebären und sie gleich darauf krankmachen und/oder fressen lässt. Was für eine Geschichte! Wie würden sich die Details auf der Psychocouch machen…? Vor allem: es gab eine Lilith vor diesem Horror. Was erzählt eine solche Umdeutung über diejenigen, die solch ein Narrativ verbreiten?

Ich frage mich, warum ich mich immer wieder an diesen Religionen abarbeite. Dabei habe ich als atheistisch sozialisierter Mensch mit Religion genau so viel zu tun wie eine Skiläuferin mit den Hundstagen. Doch während meiner Beschäftigung mit dem Feminismus oder einfach vielen Dingen, die uns jeden Tag begegnen, unser Leben prägen, fassungslos machen, behindern, einfach nur ärgern oder massiv einschränken, stoße ich bei der Ursachenforschung immer wieder auf monotheistische Religionen, die sich anmaßen, Erfindungen in die Welt zu setzen. Mit der leidigen Konsequenz, dass sich solcherart geprägte Begriffe und Verhaltensweisen letztlich zu einem täglichen Dasein subsummieren.

Lilith und Eva sind solche Beispiele für an den Haaren herbeigezogenen Erzählungen. Lange her? Mag sein! Ist Weihnachten aber auch – um nur mal ganz willkürlich ein brandaktuelles Thema zu wählen. Die Frage, warum feiern wir dieses Fest, muss ich ja nicht wirklich beantworten. Aber die Frage, warum feiern wir es immer noch…? die treibt mich um. Stollen können wir auch ohne dieses ganze Brimborium haben.

Da sind wir beim Thema Verankerung. Und das passiert halt nicht nur bei Festen wie Weihnachten, also den zugegebenermaßen angenehmen Überbleibseln einer Kultur / Religion, die uns echt was eingebrockt hat, an dem wir heute noch mächtig zu knabbern haben. Und das schmeckt nicht nach Lebkuchen. Ich rede nicht nur von uns Frauen. Männer hängen da genauso am Haken, nur eben anders. Und das ist immer noch kein mainstream-Denken.

Das Wort „Selbstermächtigung“ hat mir mal ein (schwuler) Freund empört entgegengeschleudert, nachdem er meinen Lilith Vortrag bei einer Lesung hörte. „Wie können Frauen es wagen, sich in solch infamer Form selbst zu ermächtigen…“ Hä? Er war mal Mönch und hat die Phase offensichtlich nie wirklich ganz überwunden. Seine Reaktion zeigt aber wieder in Richtung Christentum und seine sehr präsenten Folgen. Echt blöd, wenn Frauen sich nicht mehr unter Kontrolle bringen lassen.

Das Patriarchat ist kein Zustand. Es ist ein Prozess gewesen, der viele tausend Jahre dauerte. Und Frauen haben immer kräftig dagegengehalten. Lilith ist nur eine von unzähligen Beispielen, wenngleich ein sehr prominentes. Die Geschichte hinter Lilith ging in der patriarchalen Gesellschaft und ihrer Überlieferungstradition unter: sie hat aus einer starken matriarchalen Gottheit eine Dämonin gemacht und dieses Bild in unserem Kanon verankert.

Ich widme Lilith den ersten Band der Baumweltensaga als ein Splitter im Puzzle, das eine patriarchale Überlieferungskultur als das entlarvt, was sie ist: als Machterhaltungs- und Kontrollelement von 50 % der Menschheit über die anderen 50%, und damit eine Ungerechtigkeit installiert, die durch nichts zu rechtfertigen ist.

Allein Liliths Person, die im Laufe der Zeit immer dämonischer wurde, ist Grund für jede nur denkbare Selbstermächtigung von Frauen, um die Geschichte vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen.

Es wird Zeit, die Geschichte von Lilith neu zu lesen und zu interpretieren: als ein Wesen mit allen Stärken und Schwächen, die wir irgendwie auch kennen. Also irgendwie eine Gottheit so wie du und ich. Und das ist gut so!

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