Scorpio - Baumweltensaga IV
Scorpio erhob sich und schüttelte die Skorpionschultern. Sie war so giftig, als würde ein ganzer Tontopf mit Feuerstaub auf ein einziges Fladenbrot gehäuft.
Ihre Augen glühten in unheilvollem, tiefem Violett wie heiße Sterne, die dich mit ihrer Dunkelheit verletzten. Die Macht verzehrter Träume pulsierte in ihr. Violett, die letzte Farbe des Regenbogens, versteckte finstere Absichten besonders gut. Eine einzelne Fackel erleuchtete den Keller. Die Wände rundherum waren aus Sandstein. Es gab ein Regal mit gesalzenem Fleisch und ein Regal mit getrocknetem Gemüse, davor ein paar Fässer mit Wasser. Hier und da flatterte eine Fledermaus. Ameisen trappelten über den Sandstein.
Das Licht wich. Dunkelheit umwaberte Scorpio wie ein lebendiges Wesen, das ihrem Willen folgte. Ihr Ort, ihre Schöpfung, geformt aus Schatten und gefallenen Träumen
Sie tippte auf einen Stein in der Wand, eine Tür öffnete sich, und sie glitt in einen großen Raum, dessen Wände vollständig aus behauenem Sandstein waren. Insekten und Fledermäuse blieben ihre Begleitung.
An der Rückwand gegenüber der Tür wartete ein nachtschwarzer Thron. Er war überzogen mit geschnitzten Insekten und flankiert von zwei großen Skorpion-Skulpturen mit kleinen Scheren. In der Mitte stand ein langgestreckter Tisch aus bester Eiche. An der Tafel saßen zwei Gäste. Dem einen Gast schnitten dünne Seile ins Handgelenk. Coyote Man wehrte sich nicht nur gegen Wespen und Ameisen, sondern auch gegen sein Schicksal. Doch der Knebel erstickte jeden Ton schon im Ansatz. Schatten umtanzten ihn und sangen von einer Kälte und einer Leere auf dem Grund allen Seins, den niemand je erblicken wollte. Das Wort ‚vergeblich‘ bekam angesichts singender Dämonen eine tiefe Dimension.
Coyote Man wandte sich in seinen Fesseln, seine Angst saß ihm wie ein Raubtier im Herzen. Er sah keinen Ausweg aus dem Reich, über das er bislang nur Geschichten gehört hatte, Gerüchte. Die Winde flüsterten darüber, wie Menschen ihrer Träume beraubt wurden. Die Träume, die Herz und Seele formten. Albdrücke zeichneten eine Ahnung von jener Finsternis, die bleibt, wenn der Schatten seine Beute erwischt, ausgesaugt und wieder ausgespuckt hatte.
Danach würde lediglich eine leere Hülle umherirren, kalt, ziellos und wunschfrei; dem Spiel des Schattenreichs ausgeliefert, das er mit seinen Träumen genährt hatte.
Coyote Man hatte die Winde flüstern hören, jetzt sah er mit aufgerissenen Augen dem Schatten ins Angesicht.
Scorpio übersah ihn schlichtweg.
Der andere Gast war ein schwarzgelockter Jüngling mit den Pockennarben im Gesicht. Als das Tor sich öffnete, hob er gelangweilt seinen Blick, als hätte er einfach nichts Besseres zu tun.
„Schön, dich zu sehen!“, der Schwarzhaarige spuckte Scorpio die Worte förmlich entgegen.
Die ließ sich auf dem Thron nieder. Es war ihr angestammtes Habitat. Hier regierte sie und bestimmte, was ihre Gäste dachten und fürchteten.
„Und selbst? An der Liebe und den Pocken kommt keiner vorbei, was?“ Scorpios Gelächter waberte giftig durch die Luft.
Sie breitete, immer noch glucksend, gönnerhaft die Arme aus, erhob sich vom Thron und schritt auf ihren Gast zu, dessen Blick noch finsterer war als seine Haarfarbe. Ihr Gegenüber schien mittlerweile komplett humorfrei zu sein. „So haben wir uns wieder!“
Der Blick des Jünglings blieb finster.
„Was?“, fragte Scorpio Unschuld heuchelnd. „Darf ich nicht mal mehr meinen Spaß haben? Du bist hier! Und wem hast du das zu verdanken?“
„Der Liebe nicht!“, brummte der Schwarzhaarige.
Scorpio seufzte, tief zufrieden. Das war die richtige Antwort. „Genau. Lass dich umarmen!“
Die Umarmung schloss drei schmatzende Küsse mit ein. Eine Wange musste zweimal herhalten. Scorpios grellroter Lippenstift litt in gleichem Maße, wie seine deutlich vernarbte rechte Seite rot aus der Küsserei hervorging.
Scorpio war der Skorpion, der was auf sich hielt. Sie ging zu dem Tisch neben ihrem Thron, öffnete eine kleine Schatulle und zog den Lippenstift nach. Ein kritischer Blick in den Spiegel, ein geübter Griff ins mitternachtsfarbene Haar und schon saßen auch die Locken wieder, die ihr über Schultern und Scheren fielen.
„Und wir verstehen uns auch noch immer wortlos!“ Eine Schere zeigte auf das geknebelte Bündel am Tisch, das sich seinem Schicksal zu ergeben schien. „Wie lange wartet ihr denn schon?“ Scorpio klapperte mit den Scheren.
Coyote Man sah mit Panik in den Augen auf die Szene. Er versuchte, mit einem erstickten Schrei seine Lage zu verbessern. Naja…
„Als ich ihn hier runtergebracht hab, hat er geschlafen. Dafür ist er jetzt schon recht munter, was? Aber wir wollen ja niemanden umbringen, nicht wahr?“
Der Finstere fand zu seinem Humor zurück. Als er in Coyotes angststarre Augen blickte, gluckste es böse aus seinem Rachen. Die pockennarbige Haut spannte und verhinderte jedes Lächeln der Mundwinkel.
„Der frisst nicht einmal mehr Aas.“ Er verließ seinen Stuhl und ließ sich auf einem Klotz neben dem Thron nieder. „Immer zu deinen Füßen, so wie du’s magst.“
Scorpio nickte. „Achte deinen Sitz, das ist versteinertes Holz“, fügte sie streng und mit einer Geste hinzu, die versuchte, die Zeit einzufangen. Nichts konnte sinnloser sein, doch verwies ihre Bewegung auf die Würde der Äonen.
„Apropos versteinert …“, setzte er an. „Warum hat das so lange gedauert?“
„Schön, dass du dich so nett bedankst, hätte ich nicht drauf bestanden, aber wertschätzende Worte freuen ja immer, wenn man jemanden aus seiner Verbannung hinter dem Sternentor herausgeholt hat.“
„Ja, nachdem die Pocken mich beinahe gekillt hatten. Wolltest du abwarten, ob ich auch die Pest überlebe? Um mich dann zurück in die …“, der Finstere sah sich um, „Zivilisation zu bringen? Wolltest du das eben noch ergänzen?“ Sein düsterer Blick konnte noch schwärzer.
Er wischte Ameisen von der Hose, die versucht hatten, an seinem Hosenbein hochzukrabbeln.
Der gefesselte Coyote Man sah mit großen Augen auf die Skorpionfrau. Bei ihm schien das Nugget zu fallen. Er war diesem Wesen schon einmal begegnet, diesem Halb-Mensch-halb-Skorpion, das hier auf einem Thron in einer unterirdischen Sandsteinhalle voller Insekten residierte.
Scorpio zeigte umher. „Ist es nicht wunderschön hier?“
In dieser Höhle versank sie restlos in ihrem ureigensten Element. Insekten umschwirrten sie. Die Fackeln beanspruchten den Sauerstoff hier unten fast endgültig für sich.
„Ja, und ich würde nur zu gerne wissen, wo wir hier sind.“
„Da, wo uns niemand vermutet.“ Scorpio klang aufgeräumt wie andere nach einem Kaktusschnaps am geselligen Abend. „Das heißt: sechs Fuß unter allem und jenseits der Zeit.“
Der Finstere kannte sich aus mit den verschiedensten Welten. Diese hier musste eine der ersten sein. Die perfekte Tarnung.
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