Rezension: aus der stimmhaft

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Rezension: aus der stimmhaft

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Rezension von Barbara Fischer

Zum 200. Geburtstag der Schriftstellerin Luise Büchner im Juni dieses Jahrs bringt der Axel-Dielmann-Verlag die Biografie „aus der stimmhaft“ heraus. Autorin ist die Wortstellerin Iris Welker-Sturm.

Meine Lieblingspassage in Iris Welker-Sturms Biografieroman über Luise Büchner ist im Kapitel „Stimmung – über Schriftstellerei von Frauen“. Luise Büchner erinnert sich an die Märchen, die ihr ihre Großmutter erzählt hatte. Sie kann sich nicht erklären, warum diese Märchen so anders waren, als die der Gebrüder Grimm. Und auch so ganz anders als die von der damals bekannten Darmstädter Verlegerfamilie Plönnies herausgegebenen Volkssagen und Märchen. Deren Märchen waren fast ausschließlich Soldatenmärchen mit kriegerischen Männern und sehr gewalttätig. Die Frauen entsprechen dem (noch heute) verbreiteten traurigen Klischee, dass sie sich nur für ihr Aussehen und Kleidung interessieren. Klugheit bei Frauen ist in diesem Rahmen negativ konnotiert und wird gleichgesetzt damit, dass Frauen listig seien, verschlagen und auf ihren Vorteil achteten.

Luises Vergleich mit dem französischen Märchensammler Charles Perrault, bei dem die Gebrüder Grimm ausgiebig gewildert haben, und dem wir unsere bekanntesten Märchen verdanken, fällt für die deutschen Forscher nicht schmeichelhaft aus. Denn Luise Büchners Großmutter erzählte ihr vor allem die Feenmärchen, die bei den Gebrüdern Grimm als zu weiblich ausschweifend in Ungnade gefallen waren.

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Die erfolgreiche Schriftstellerin Luise von Plönnies, Spross dieser Verlegerfamilie, tritt in diesem Kapitel als Gegenentwurf zu der allein im Schatten ihres Bruders Georgs wahrgenommenen Luise Büchner auf. Die ganze Familie Plönnies unterwarf sich dem patriarchalen Überlieferungsmodus und erntete damit Anerkennung. Luise von Plönnies führte erfolgreich einen literarischen Salon in Darmstadt und ihre Schriften verkauften sich. Ironie oder Konsequenz dieser Geschichte: auch Luise von Plönnies wurde Opfer genau dieses Modus, den sie reproduzierte und damit am Leben hielt. Denn wer kennt sie noch heute?

Die Autorin Iris Welker-Sturm hat viele exemplarische Passagen dieser Art geschrieben. Luise Büchners Leben als Konsequenz eines damals schwer einzufriedenden Patriarchats. Ein Leben bestehend aus den Eckpunkten der Verweigerung von Bildung für Frauen, der Verweigerung beruflicher Möglichkeiten – und als Luise Büchner dann doch allen Anfeindungen zum Trotz den Beruf der Schriftstellerin ergreift, der Verweigerung der Anerkennung. Sie wird nur wahrgenommen als Botin für die politischen Schriften ihres Bruders. Obwohl nicht mehr wirklich umstritten ist, dass Luise Büchner erheblichen Anteil an der Fertigstellung des Lenz ihres früh verstorbenen Bruder Georg hat.

Vor diesem Hintergrund könnten viele der in den einzelnen Kapiteln angeschnittenen Themen detailliert aufgefächert werden. Die brisanten und für die Entwicklung der Demokratie bedeutsame Zeit des Vormärz wird von Iris Welker-Sturm in vielen Details erzählt, immer vor dem Hintergrund eines Lebens, in dem Frauen Bildung und Anerkennung verweigert wurde, nur aus dem Grund weil sie Frauen waren. Gleichzeitig beschreibt sie den Mut der Vielen, die sich trotzdem nahmen, was man ihnen nicht geben wollte.

Eine gelungene und detailliert recherchierte Zeitreise zu einer Frau, die so viel mehr war und ist, als ihr bislang zugestanden wurde.

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2 Comments

  1. Iris sagt:

    Sehr schön und aufmerksam, danke. Ist auch immer wieder spannend, wer sich welche Aspekte herauspickt. LG iris

    • Barbara Fischer sagt:

      Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Vor allem weil es sehr gut rechechiert war und die Zeit des Vormärz relativ wenig bekannt ist in deutschland. Obwohl zu der Zeit so wichtig für unsere heutige Demokratie war.

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