November-Rezension: Nickelmann

Die Oktober-Rezension: Juwelennächte
Oktober 1, 2021

November-Rezension: Nickelmann

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Rezension von Barbara Degen

#sichtbarkeit von Frauen fängt bei der Kinder- und Jugendlektüre an. Es gibt so viele unbestreitbar schöne, wertvolle und einfach auch nur unterhaltsame Kinder- und Jugendbücher. Und es gibt noch vielmehr Bücher, die wir seltener kennen, in denen Mädchen die Hauptrolle spielen. Barbara Degen widmet sich in der November-Rezension des #baumweltensaga_blog einem Großstadtroman mit einer freien, tapferen und klugen Heldin.

Nickelmann ist ein Mädchen, ein Großstadtmädchen. Bei Beginn der Geschichte ist sie gerade zehn Jahre alt geworden und lebt um 1930 in Berlin. Nickelmanns Hund  heißt Hulle und ist eigentlich gar nicht ihr Hund. Er ist der Hund von Onkel Hans, ein Hund mit goldbraunem Fell und vielen Lockenpuscheln. Auf den Fotomontagen von Fe Spemann, der Freundin der Autorin Tami Oelfken ist er zu sehen. Nickelmann darf Hulle ausführen und mit ihm die Straßen rund um ihr Wohnhaus und seine Menschen kennenlernen und viele Abenteuer mit ihm erleben. Es sind richtige Abenteuer, nicht nur solche, die man im Kino sehen kann. In der Umgebung wird zum Beispiel einmal ein Film gedreht, in dem ein Räuber ein Kind raubt. Und als die Geschichte beim Drehen noch einmal losging, darf Nickelmann mitspielen. Sie ist ein Grafenkind, nicht nur ein kleines, ganz normales Mädchen und muss versuchen, den Räuber durch lautes Geschrei aufzuhalten. Zum Dank erhält Nickelmann das geraubte Baby, das natürlich eine Puppe ist. Das ist nur eine von den vielen Geschichten, die Nickelmann erlebt. Sie begegnet einem Arbeitslosen im Park, der auf der Straße leben muss, und beobachtet zusammen mit ihrer Freundin Marianne eine Diebin in einem großen Kaufhaus. Die wird erwischt. Aber die neugierigen Mädchen erfahren leider nicht, was mit der Diebin geschehen ist. In der Schule sagt die blöde Pute Nathalie, sie würde nie einen Juden heiraten, Marianne und sie denken über dieses Ereignis auf dem Heimweg nach und kommen auf Namen und Diebe zu sprechen. Und weil Nickelmann so viele spannende Geschichten in ihrem Alltag erlebt, beschließt sie, sie aufzuschreiben und später mal eine berühmte Filmdiva zu werden.

Auf einem großen Kindermaskenfest am Ende des Buches soll es einen großen Hauptpreis und viele Trostpreise geben. Der Hauptpreis ist ein Dackel mit Namen Puddel. Nickelmann ist als Cowboy verkleidet, ihre Freundin Marianne als Libelle und Freund Stefan als Schornsteinfeger. Es wird ein Film gezeigt, in dem ein Dackel, der im Film Männe heißt, gerettet wird. Es wird getanzt und viele Kinder sind als Märchenprinzessinnen und als Prinzen verkleidet. Marianne wird die Königin des Festes und erhält den Dackel. Wieder zu Hause angekommen zückt Nickelmann ihr Schwert und schreit Platz da, wir kommen. Wir haben Puddel gewonnen.

Beim Lesen von Nickelmanns Geschichte wird mir warm ums Herz. Ich war auch einmal ein zehnjähriges Mädchen in einer Großstadt. Allerdings hatte ich keinen Hund wie Nickelmann aber ich habe mit meinen Brüdern die zerbombten Häuser, Straßen und Keller in den Städten  Köln und Frankfurt erforscht, in die wir am Ende des Krieges geflohen sind. Beim Lesen des Buches wünsche ich mir, meine eigene Kindheit so präzise und genau beschreiben zu können und mich damit in die Gefühle meiner eigenen Kindheit wie in die Gefühle von Nickelmann und ihren Freunden am Ende der Weimarer Republik noch besser hineinversetzen zu können. Ein besonderes Lesevergnügen ist dabei die Parallelität zwischen der Phantasie der Kinder und die der Erwachsenen mit deren eigenen Gesetzen, wie sie sich in den Filmszenen, den Verfolgungen von Übertätern und den Reaktionen der HausbewohnerInnen und Verwandten auf Nickelmann zeigen. Schon der Name der Hauptfigur ist mit den Bestandteilen Nickel und Mann raffiniert gewählt. Er weist auf ein mutiges, selbstbewusstes Mädchen hin, das scheinbar wie ein Junge oder Mann handelt und gleichzeitig in der Welt der Puppen, der Freundschaften, der Märchenträume und der Solidarität und Hilfsbereitschaft mit ihrer Umwelt lebt. Der Nickel  wird damit auch ein Symbol für eine noch intakte Welt der kleinen Leute. Auch meine Kinder haben sich später große Schutzhunde und kleine zu beschützenden Hundebabys gewünscht. Tami Oelken hat zu ihrem Buch 1951 geschrieben:

Sie (Nickelmann) wird eine Art Heldin nur dadurch, dass sie uns Mut macht und Freude, auch wenn es nicht jedem von uns vergönnt ist, so frei, so selbstständig, so tapfer durch unsere Jugend zu steuern, wie es Nickelmann tat.

Das schön und sorgfältig gestaltete Buch mit seinen Illustrationen bricht nicht nur mit den Geschlechterstereotypen, sondern eignet sich auch als Geschenk für alle Kinder, die gerne darüber lesen und zuhören, wie es früher war und für ihre Eltern und Großeltern, die ihnen kindgerecht erklären wollen, wie sich die Ausgrenzung der Juden und Andersdenkender am Ende der Weimarer Zeit angefühlt hat, bevor der deutsche Faschismus  auch die Welt der Kinder und ihren Optimismus und ihre Lebensfreude fast vernichtet hätte.

Tami Oelfken (1888 – 1957), Autorin, Lehrerin, Schulleiterin und -gründerin, ist ebenfalls eine selbstbewusste Frau, die offenen Auges und mit klarem Verstand durch die verschiedenen politischen Epochen ihres Lebens wie den ersten Weltkrieg, die Schul-Reformbestrebungen in der Weimarer Zeit, die NS-Zeit und die Nachkriegszeit gegangen ist. Sie ging 1934 nach Frankreich und England ins Exil, musste aber aus beruflichen Gründen 1939 nach Deutschland zurückkehren und überlebte die Zeit bis 1945 unter ständiger Beobachtung und Kontrolle durch die Gestapo – weitgehend in einer menschenfeindlichen, sie immer wieder ausgrenzenden Umgebung. In ihrem Buch „Fahrt durch das Chaos“, ihrem „Logbuch“ hat sie tagebuchartig diese Zeit zwischen 1939 und 1945 beschrieben. Dabei beeindrucken auch ihre große poetische Begabung, ihre Liebe zur Natur und die Rückgriffe auf ihr früheres Leben. Sie zeigen sowohl ihre hohe Verletzlichkeit als auch ihr starker Überlebenswillen.

In dem hier vorgestellten Kinderbuch hat Gina Weinkauff „Nickelmann“ fachkundig mit der Kinderbuchliteratur der Weimarer Zeit verglichen und die Wichtigkeit des fast vergessenen Buches herausgearbeitet. Es bildet einen Kontrast zu vielen Negativschilderungen der kindlichen Großstadtwelt und macht deshalb auch Kindern heute noch Mut und Freude. Jugendliche und Erwachsene wird es an die abenteuerlichen und unbeschwerten Seiten der eigenen Kindheit erinnern, eine nicht zu unterschätzende Ressource für das spätere Leben. „Nickelmann“ ist zu wünschen, dass sich viele geschichtsinteressierte und kinderbuchliebende Leser und Leserinnen finden, die mit ihr zusammen nicht nur ihre Abenteuer, sondern auch  ihren großen Optimismus und die Liebe an guten und spannenden menschlichen Beziehungen teilen.

Dieses Buch findet ihr überall im Handel:

Tami Oelfken, Nickelmann erlebt Berlin. Ein Großstadt-Roman für Kinder und deren Freunde: Verlag Hentrich&Hentrich, Leipzig 2020, 128 Seiten, 14,90 Euro. ISBN: 9783955653934, ab 10 Jahre

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