Nachts sind alle Gedanken grau

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Nachts sind alle Gedanken grau

Der Debütroman der Autorin Silvia Klein ist ein Drama um die Studentin Carrie, die in Amsterdam versucht, ihrer Vergangenheit zu entfliehen.

Rezension von Barbara Fischer

Die Protagonistin Carrie hat eine Lieblingsbeschäftigung: sie macht sich mit Wonne erstmal selber runter. Irgendwann scheint es ein Reflex zu werden, der ihr Sicherheit bietet. Anders ist nicht zu erklären, warum sie sich permanent selbst zerfleischt. Egal ob sie auf einen äußeren Impuls reagiert oder es eben nicht tut. Sie macht es wieder und wieder in einer Art vorauseilendem Gehorsam, als wollte sie damit den anderen zuvorkommen, denen sie die negative Sichtweise unterstellt, mit der sie auf sich selbst blickt. Denn eins steht für Carrie fest: sie genügt niemandem. Für die Leserinnen und Leser von Silvia Kleins Debütroman ist schnell klar, dass es vor allem Carrie selbst ist, die Anforderungen an sich stellt, die sie nicht erfüllen kann. „Nie!“, wie sie sich wieder und wieder sagt.

Die einzigen Szenen, in denen sich Carrie nicht schon selber mit Vorwürfen überzieht, bevor sie etwas tut, sind die, wenn sie sich morgens nach dem Aufstehen durch Serien und Filme streamt. Allerdings lassen die antrainierten Mechanismen nicht lange auf sich warten und ihre Depressionen werden glaubhaft in Sätzen wie: „Es war erbärmlich. Sie war erbärmlich!“

Eine schwierige Voraussetzung, um sich gefahrlos aufzumachen, den besten Freund und Mitbewohner in einer Kleinstadt zu verlassen und in Amsterdam zu studieren. Eigentlich sollte dort alles besser werden. Stattdessen bricht sich Bahn, was im Umfeld kleinstädtischer Geborgenheit vor sich hin schlummerte

Die Notwendigkeit, neben dem Studium zu arbeiten,  führt Carrie zu einem Café, das man sich sehr gut an Amsterdams Grachten vorstellen kann: junge Leute und eine flippige Caféhausbesitzerin mit blauen Haaren. Das Stilmittel der Mündlichen Sprache macht das Miteinander hier glaubhaft. Alles scheint da zu sein in Carries Leben: Studium, Stipendium, Job, nette Kollegen. „Trotzdem blieb da diese fiese kleine Stimme in ihrem Kopf, die begeistert aufzählte, was alles schief gehen konnte.“ Und wen wundert‘s, dass schlussendlich genau diese Stimme recht behalten sollte?

In solch einer Grundkonstellation darf natürlich eine verkorkste Beziehung nicht fehlen. Es taucht ausgerechnet an der Uni in Amsterdam der Freund aus der Vergangenheit auf, mit dem es noch nie geklappt hat, aber ohne den es leider genau so wenig ging und geht.

Nachts sind alle Gedanken grau zeichnet ein spannendes Bild vom inneren Drama des Erwachsenwerdens. Das äußere Handlungsgerüst ist ein klassisches, studentisches Leben. 

Die ProtagonistInnen Carrie und Wesley kommen aus der gleichen Stadt, aus London. Bei beiden fehlen jede Anklänge von Idylle oder nostalgischer Heimeligkeit. Die eine hat ihre Familie freiwillig verlassen, der andere wurde als Baby zur Adoption frei gegeben und wuchs in einem Waisenhaus auf. Während Wesley seiner Kindheit noch Positives abringen kann „…es war wie es war, doch immerhin haben sie sich bemüht, das Beste zu geben. Was kann man mehr erwarten“, fasst Carrie ihre Kindheit in dem Satz zusammen: „Manchmal ist es besser ohne Familie.“

Im Laufe der Lektüre denkt man, man kennt  Carrie, ihre Zerrissenheit und ihre Selbstzerfleischung, ihre Flucht in eine Beziehung, von der man nach den ersten Zeilen weiß, dass deren Haltbarkeitsdatum weit überschritten ist. Doch die Autorin baut Wendungen ein, die sich später als fast zwangsläufig erweisen und von denen man der Protagonistin wünscht, sie möge sich einige der damit einhergehenden Dramen in Zukunft ersparen.

Der Plot und die Handlung sind um eine krisenhafte Situation am Anfang des Studiums angelegt.  Die Stärke des Romans liegt in der Zuspitzung von Carries Konfliktlinien, die die Autorin geschickt um den Alltag einer Zwanzigjährigen herumbaut. Die inneren Monologe offenbaren das persönliche Drama als ständiges Wechselspiel von Anziehung und Ablehnung, von Wünschen und Selbstzerstörung. Die intensive Sprache der Autorin bringt den Leserinnen und Lesern Carries Seelennot so nahe, dass es manchmal weh zu tun scheint.

Unausgesprochen spiegelt Carrie den Konflikt mit ihren Eltern und findet ihr Gegenüber, mit ähnlicher innerer Konstitution, der nie Eltern kennen gelernt hat. Ihre Ablehnung von Konventionen der Wohlverhaltensgesellschaft ist nur folgerichtig. Weihnachten wird zum Horrortrip.

Zum Schluss der Lektüre stelle ich mir als älteres Semester die Frage: wie konnte jemand jemals von den Wonnen der Jugend in bezug auf dieses Lebensalter zu sprechen? Und wer wäre nicht froh, das Chaos jener Jahre, hoffentlich erfolgreich, hinter sich gebracht zu haben? Carrie jedenfalls begleitet der Wunsch, sie möge es fürderhin schaffen, die Klippen zu umschiffen, die sich ihr in den ersten zwei Semestern in Amsterdam in den Weg gestellt haben. Man möchte ihr mit der eigenen Erfahrung Mut machen, dass es mit einer Anfangs-Drei in den Lebensjahren besser wird. Silvia Klein hat ein atmosphärisch gelungenes Porträt einer Vertreterin ihrer Generation geschaffen.

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