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Schöner sterben mit Schiller

Die Räuber“ am Kölner Schauspielhaus

Karoline von Moor rebelliert gegen ihren tyrannischen Vater, Maximilian von Moor, weil sie, als Zweitgeborene, keine Ansprüche auf das väterliche Gut und mithin als mittellose jüngere Schwester, weder in der Gesellschaft noch in der Familie Einfluss haben wird.

Das Mittel ihrer Rebellion ist eine infame Intrige gegen die ältere Schwester Franziska, die Karoline so sehr verleumdet, dass der Vater die Älteste verstößt und nun Franziska an ihrer statt das väterliche Erbe, das Haus samt Geld und Macht erbt. Natürlich geht es auch um Liebe. Ich kenne kein männliches Pendant zum Namen Amalia, also wird es die als fescher Bursche auftretende Amalia sein, die Karoline die Liebe verweigert, indem sie einfach weiter treu zu der abwesenden Franziska steht. Ein wirklich guter Plot für ein queeres Broadway Stück im hippen New York 2019.

Doch wir schreiben das Jahr 1781, Friedrich Schillers Debüt „Die Räuber“ wird in Mannheim uraufgeführt. Zu jener Zeit hätten sich Schwestern um die Erbfolge schwer streiten können. Für diese Rolle waren Frauen nicht vorgesehen.

Der Plot stimmt in der Aufführung, die das Schauspiel Köln seit März 2019 auf dem Spielplan hat. Es geht um Geld, Macht und Liebe und es geht um die Ränke, wie man dazu kommt, wenn man es nicht erbt. Es geht aber auch um die ganz großen Fragen, wie gerecht können Mord und Totschlag sein, wenn am Ende alle tot sind. Sehr patriarchale Fragen in einer sehr patriarchalen Welt.

Die Abwesenheit von Frauen in der Sturm und Drang Literatur einfach dadurch abzuschaffen, dass Frauen die ansonsten texttreu gehaltenen Titelrollen Franz und Karl von Moor spielen, ist ein Meistergriff dieses Theaterstücks, das vor damaliger Kulisse selbstredend von Männern für Männer über Männer geschrieben wurden – Frauen wurden nicht einmal mitgedacht.

Der Regisseur Ersan Mondtag musste seinen Blick nur um 180 Grad drehen, um auch die anderen fünfzig Prozent der Weltbevölkerung zu erfassen und in einem Klassiker mitspielen zu lassen. Er tat es. Und schon toben brüllgewaltige und degenschwingende Miminnen mit und ohne Kleid über die Bühne. Natürlich kann Karl nicht einfach zu Karoline werden, denn da wäre das patriarchale System ja schon zumindest durchlöchert, gegen dessen zeitgenössischen absolutistischen Auswüchse Schiller anschrieb. Genauso wie gegen die Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen, nur Frauen wurden nicht mitgedacht. Dafür stellt er immerhin die Rechtfertigung und Verherrlichung von Gewalt in Frage. Die Antwort ist bis heute offen. Und Mord und Totschlag für eine angeblich gerechtere Welt werden munter weiter praktiziert, von Männern durch Männer für Männer. Keine Gesellschaftsordnung der Welt vermochte diese Art Politik bislang in die Geschichtsbücher zu verbannen.

Furios kommt Franz von Moor (Sophie Burtscher) alias „Franz, die Kanaille“ in seinem blassrosa Kleid daher und anfangs auch Karl von Moor (Lola Klamroth), „der gute Sohn“ als Frau gekleidet, bis mit den Illusionen auch ihre Kleider von ihr abfallen, nachdem der väterliche Brief sie ereilt, mit dem sie unwiderruflich ihr bislang gesellschaftlich verbrieftes Anrecht auf ein vorherbestimmtes Leben verliert und sich ohne Rückfahrtticket auf die Seite der Räuber schlägt, als Sinnbild der Entrechteten, aber Gerechten.

Die Mimen variieren mit ihrem Geschlecht zwar das Spiel um Macht, Liebe und Geld, doch sie unterbinden es nicht. Wenn Franz in ihrem blassrosa Kleid sich aggressiv brüllend der verschüchterten Amalia (Jonas Grundner-Culmann) nähert, einem Schauspieler, der sich durchaus degenschwingend vorstellen lässt, dem das Textbuch aber elendes Wimmern und Hände vors Gesicht schlagen vorschreibt, wenn die Frau über Macht und Ränke, mithin über sein Leben, sich ihm nähert und ihn begrapscht, dann haben wir eine patriarchatsgetränkte Szene vom Feinsten – nur mit Geschlechterumkehrung.

Undenkbar, wie Beate Heine in ihrem Beitrag zum Theaterstück schreibt, wäre diese Marginalisierung der Frauen, wie sie die Klassik vorantreibt, noch zu Rokokozeiten gewesen. Doch während der Rokoko eine den Adel stützende Lesart übermäßiger Lustbarkeit und Freude darstellt, kann und will die bürgerliche Klassik dem durch Gottes Gnaden qua Geburtsrecht erworbenen absolutistischen Herrschaftsanspruch einzig die Sittsamkeit ihrer Frauen entgegensetzen, die, am besten gänzlich unsichtbar, nicht einmal mehr mit einer Mutterrolle gewürdigt werden.

Sturm und Drang ist vergangen und Teil der Literaturwissenschaft. Doch das Patriarchat lebt und wütet noch immer. Es presst uns noch immer in seine ihm genehmen und nur ihm nützlichen Rollen. Immerhin hat es sich weiterentwickelt in den 238 Jahren nach der Uraufführung. In Carolin Emckes Monolog Über die Freiheit am Ende der Aufführung sind Männer nicht nur mitgedacht, sondern durch die großartige Schauspielerin Thelma Buabeng auch explizit angesprochen.

„Ich kann Freiheit nur in Verben denken, als etwas das getan oder errungen werden muss […]Freiheit kann ich nur in Bewegung denken, im Handeln.“

Handeln führt zu Bewegung und Veränderung. Der Traum von der Freiheit ist noch lange nicht ausgeträumt oder zu Ende gehandelt.

Monolog „über die Freiheit“

von Carolin Emcke

Was ist bloß aus euch geworden?

Wie habt ihr euch selbst entstellt

das woran ihr mal geglaubt habt

ihr habt doch mal an etwas geglaubt, oder?

An etwas außerhalb von euch selbst

etwas, das für andere zählt

ich befürchte, etwas, das hinausreicht, aus dem Radius des ich

Mitleid ist für alle gemacht

nicht bloß für einen selbst

aus Selbstmitleid, aus der eigenen verletztheit würden Sie schon immer erschaffen, die Gründe aus denen Zorn und Verachtung und… Gerechtfertigt werden sollen

manchmal wäre es mir lieber, Menschen wie ihr würden sich trauen nicht zu begründen, so zu handeln. das wäre ehrlicher

einfach andere berauben, über andere der Herr sein, andere missachten, verletzen, töten… Ohne jede Erklärung

ohne Begründung, die man nicht begründen kann

ohne diese quälend selbst gerechten, ohne diese quälend unwahren Erzählungen

manchmal wäre mir lieber, Gewalt käme unverkleidet daher, nackt, schonungslos, ohne all diese Manipulationen, ohne diese Geschichten, mit denen sie als notwendig, als richtig, als abschreckend und als gerechte Sprache ausgegeben wird

Mir wäre lieber, alle, die menschenverachtend sortieren wollen nach legal und illegal, nach zugehörig und nicht zugehörig, nach gleich und irgendwie ungleich, nach gesund und krank

mir wäre lieber, wenn alle, die Menschen ertrinken, verhungern oder hinrichten lassen wollen, die mit Todesschwadronen oder Bürgerwehren, mit Feindeslisten im Internet oder mit Aufmärschen in den Innenstädten Menschen einschüchtern oder verdrängen wollen, wenn die bitte, bitte keine großen Erzählungen mehr dafür erfinden

mir wäre lieber, sie würden ihre menschenfeindliche einfach als das Pro projezieren was sie ist, Menschen feindlich!

Grundlos! Durch nichts zu rechtfertigen! Durch nichts zu begründen! Ohne diese falsche Etikette, die Verachtung sei patriotisch oder wider ständig, ohne diese Klagen das eigene Volk wäre… Oder unterwandert, ohne dieses Selbstmitleid, Was ihnen, was ihresgleichen angetan würde, ohne diese Beschönigung, sie wollten doch nur trauern, sie seien nur besorgt, sie wollten nur den einfachen Leuten beistehen, ohne diese fantasieren, ein damals sei angeblich besser als…

Ohne diese geschmacklosen Erklärungen, warum die eigene Brutalität gar nicht brutal, die eigene Rücksichtslosigkeit gar nicht rücksichtslos sei, der eigene Fanatismus nicht fanatisch, warum das autoritäre nicht autoritär, weil, weil, weil…

Weil was? Ihr seid nicht frei nichts ist unfreier als andere zu hassen. Nichts ist unfreier, als dieser unstillbare Zorn, in dem über andere gewütet wird. Nichts unfreier als die Fixierung auf das, was die anderen angeblich tun, glauben, leben lieben. Nichts ist unfreier als …, Ihren Sex, ihren Körper, ihre Kleidung,, Essen. Ihr seid Gefangene eurer eigenen Erzählung, Gefangene eurer Rachsucht, die sich an euch selbst rächt, so unstillbare wie sie ist. Ich weiß nicht was frei sein heißt, was es wirklich heißt. Ich weiß nur dass hier nichts ist, was man benutzen kann. Ihr nicht, ich nicht …….

wir sind alle angewiesen aufeinander und darum unfrei.

Wir sind alle verwundbar. Und darum unfrei.

Wir verstehen uns nur, indem wir uns Geschichten erzählen, die für andere Sinn ergeben müssen. Und in dieser Angewiesenheit auf das andere sind wir unfrei.

Ich kann Freiheit nur in Verben denken, als etwas das getan oder errungen werden muss: mich befreien, mich heraus lösen, heraus brechen, ausbrechen ablehnen, verweigern, mich ausziehen, mich erfinden,,, ausprobieren, hinterlassen, unterwandern, widersprechen,, protestieren, aufbegehren, kritisieren, mich selbst kritisieren, suchen, mich treiben lassen, mich verehren, mich verlieren, aufbrechen, mich verzeihen, anderen verzeihen beginnen, enden, lieben, begehren, lernen,

Freiheit kann ich nur in Bewegung denken. Handeln. Das klingt gut aber nicht jede und jeder kann immer handeln.

Was soll Freiheit heißen? Wenn es nicht ohne Schmerzen schlucken oder gehen kann

was soll Freiheit heißen, wenn ich mich nicht mehr bewegen kann?

Als Mensch gefesselt bin…?

Was soll Freiheit heißen, wenn ich in einem anderen Körper leben möchte, aber mir die Operation nicht leisten kann?

Was soll Freiheit heißen, wenn ich nicht weiß, wie ich den Hunger stillen soll, wie ich den nächsten Winter überstehen soll?

Was soll Freiheit heißen, wenn ich kein Einkommen habe, keine Arbeit, kein Status, wenn ich nicht weiß, wie lang ich noch geduldet werde, wenn ich nicht weiß, wann mir der Strom abgestellt wird, wenn die Zwangsräumung bedroht, die Deportation.

Was soll Freiheit heißen, wenn Nacht für Nacht Tod und Zerstörung herrschen?

Was also soll Freiheit heißen, als zunächst einmal Freiheit von jener Not, die keine Kraft lässt für das, was andere Frieden nennen? Was dann noch bleibt? Es bleibt diese brennende Sehnsucht! Alles was uns klein und feige sein lässt ab zu tun, alles was uns diszipliniert, was uns anpasst in vorgefertigte Formen.

Was bleibt ist diese brennende Sehnsucht mich wieder auf den Weg zu machen, wieder nach einer Sprache zu suchen, in der es sich besser artikulieren lässt, anderen Worten die zarter, genauer, wütender, wirklicher sind. Wieder nach Ordnung zu suchen in denen es sich sprechen lässt oder wo man gern ist, miteinander, ohne Angst.

Frei sein, das kann nur heißen sich nicht einschüchtern zu lassen, sich nicht bedrängen zu lassen, sich nicht die Rechte absprechen zu lassen, die Würde, den Glauben. Frei sein, das kann nur heißen sich immer wieder entdecken und befreien zu wollen und dabei nach anderem Ausschau zu halten. Frei sein, das kann nur heißen dem Autoritären zu widerstehen mit allem Charme, aller Ironie und aller Lust, aller Poesie mit allen Körperlichkeiten, allem Geist, allem Witz, dass durchlässig und wandelbar bleibt.

Wie sähe das Stück „Die Räuberinnen“ aus, 2040 uraufgeführt in Köln? Im Rat der Stadt sitzen je zur Hälfte Frauen und Männer, so wie es in der Bundesregierung in Berlin schon seit 15 Jahren praktiziert wird. Kriege wurden weltweit abgeschafft, denn die Auswüchse patriarchaler Herrschaftsansprüche und Vorteilsbeschaffung auf Kosten Unbeteiligter, wie sie Frauen schon länger anprangern, wird auch von den meisten Männern nicht länger mitgetragen.

Alle Menschen sind angesprochen, wenn von Menschen die Rede ist. Egalitäre Gesellschaften achten auf eine ökologische Wirtschaft, in der gerecht verteilt wird. Und Männer lesen in Geschichtsbüchern, wie das damals war, als Männer im Wald leben mussten, ausgeschlossen von der Gesellschaft, weil Intrigen von Abgehängten sie selber abgehängt haben. Dieses Buch muss dann gar nicht mehr geschrieben werden, denn, um es frei nach Rosa Luxemburg zu formulieren: Freiheit bedeutet immer auch die Freiheit der Anderen, egal welchen Geschlechts oder welcher Herkunft.

Soziokulturelle Konstrukte wie Geschlechter und Machtgefüge werden thematisiert, aufgebrochen und verändert.

Ein gelungener Kunstgriff, der die potenzielle Wirklichkeit von 50% der Weltbevölkerung 230 Jahre nach dem ersten offiziellen Sturz absolutistischer Herrschaft durch die Französische Revolution spiegelt und 238 Jahre nach der Uraufführung der „Räuber“ in Mannheim.

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